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Übermäßiger Verbrauch im Bausektor

Die Erde kann unser Konsumniveau nicht länger tragen; sie verkraftet kaum die Hälfte davon. Fiel der Erdüberlastungstag in den 1970er Jahren noch in den Dezember, so lag er 2024 bereits im August. Dieser Tag markiert den Zeitpunkt im Jahr, an dem alle Ressourcen, die innerhalb eines Jahres regeneriert werden können, von den Menschen verbraucht worden sind. Ein großer Anteil dieser Ressourcen wird für den Gebäudesektor genutzt. Deshalb sind wir von We-Building überzeugt, dass ein Umdenken in Bezug auf die Art und Weise, wie Gebäude genutzt werden, notwendig ist, um innerhalb der planetaren Grenzen leben zu können. In diesem Artikel werden wir die Rolle Deutschlands in dieser Problematik in den Vordergrund stellen, denn wie in vielen anderen Ländern mit hohem Einkommen liegt der Erdüberschreitungstag in Deutschland im Mai, ganze drei Monate vor dem globalen Durchschnitt.[1] Da dies in der Regel um Länder mit einem großen Gebäudebestand handelt, liegt der Schwerpunkt dieses Papiers auf dem Umgang mit bestehenden Gebäuden; woanders spielen neue Konstruktionen eine größere Rolle.

Der extreme Verbrauch von Rohstoffen und der Ausstoß von Treibhausgasen durch den Bausektor schaden unserem Planeten. Für die Errichtung von Gebäuden werden Rohstoffe benötigt und durch den Transport und die Weiterverarbeitung zu Baumaterialien, insbesondere zu Stahl, Beton und Aluminium, entstehen Emissionen. Dabei werden all diese Treibhausgase, die bis zur Fertigstellung eines Gebäudes entstehen, als graue Emissionen bezeichnet; wird ein Gebäude abgerissen statt renoviert, werden auch sie verschwendet. Soziale und ökologische Probleme entstehen auch beim Abbau von Rohstoffen, der mit Folgen wie Korruption, Landenteignung, Gewalt und Gefährdung der Tierwelt in Verbindung steht.[2][3] Würden alle Bauvorhaben gestoppt werden, käme das zwar dem Klima zugute, angesichts der wachsenden und sich verstädternden Welt ist dies jedoch nicht realisierbar. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung bis 2050 auf 9,7 Milliarden Menschen ansteigen, wovon erwartungsweise 68% in Städten wohnen werden.[4] Um diesen Entwicklungen begegnen zu können, müssen etwa neue 96 000 Wohneinheiten pro Tag entstehen.[5] Die Frage ist also, wie dies ermöglicht werden kann, ohne dafür Erde und Menschen durch übermäßigen Ressourcenverbrauch und eine Verstärkung des Klimawandels zu belasten.

Weniger bauen, mehr umnutzen

Die Antwort auf diese Frage erfordert neue Ansätze im Bauwesen, wobei der Schwerpunkt auf der Vermeidung von Abriss und Abfall liegt. Aufgrund hoher Grundstückswerte und Spekulation am Immobilienmarkt werden nutzbare Gebäude derzeit oft abgerissen und durch modernere Bauten ersetzt. In Deutschland wurden im Jahr 2022 16.500 Wohneinheiten abgerissen, ganze 55% aller Abfälle in Deutschland stammen aus dem Bausektor.[6][7] Der Abriss von Gebäuden führt dazu, dass unnötig viele Materialien verbraucht, graue Emissionen verschwendet und Deponien überlastet werden.

Um innerhalb der planetaren Grenzen zu leben, müssen wir die bestehenden Gebäude so weit wie möglich nutzen und auf eine zirkuläre Verwendung von Baumaterialien bestehen, indem wir die Gebäude, wenn nötig, nicht einfach abreißen, sondern dekonstruieren und so die Weiterverwendung wertvoller Materialien ermöglichen. Renovierung und Nachrüstung sind die wichtigsten Antworten auf das Problem; Gebäuden kann neues Leben eingehaucht werden, indem man sie im Hinblick auf ihre Bewohnbarkeit und Effizienz verbessert, anstatt sie abzureißen.

Energetische Sanierung

Will man den Einfluss des Gebäudesektors auf das Klima verringern, so muss auch der Energieverbrauch von genutzten Gebäuden in den Fokus genommen werden. Die für Heizung, Lüftung und Kühlung verwendete Energie macht 60% des gesamten Energieverbrauchs in Gebäuden aus.[8] Individuelle Verhaltensverbesserungen wirken sich nur geringfügig auf das Energieverhalten aus: Wenn man den Thermostat um ein Grad herunterdreht, spart man 6% der Energie, während durch eine angemessene Renovierung von Bestandsbauten bis zu 80% des Energieverbrauchs eingespart werden können.[9] In Deutschland zum Beispiel sind nur 30% der Gebäude energetisch modernisiert.[10] Dementsprechend viel Potential gibt es für die Einsparung von Energie und damit auch die Vermeidung von Treibhausgasen bei bestehenden Gebäuden.

Eine energieeffiziente Modernisierung muss dabei auf die spezifischen Gegebenheiten von Gebäuden eingehen. Das bedeutet, dass die klimatischen Faktoren wie jahreszeitabhängige Temperaturen, Sonneneinstrahlung, Windrichtung, Tagestemperaturen und Luftfeuchtigkeit berücksichtigt werden müssen. Die Dämmung und Optimierung der Gebäudehülle ist ein erster wirksamer Schritt zur Energieeinsparung, der durch den verstärkten Einsatz passiver Heiz- oder Kühlmethoden ergänzt werden kann.

Weniger Wohnfläche pro Person

Die Achtung planetarer Grenzen erfordert jedoch auch eine Verringerung des Wohnraums, insbesondere in Ländern, in denen Bewohner:innen bereits über reichlich Wohnraum verfügen. 90 Prozent des Städtewachstums in den nächsten 75 Jahren wird in Asien und Afrika stattfinden.[11] Die Konsummuster passen jedoch nicht zu diesem Trend; in Europa und Nordamerika wächst die Zahl der Haushalte trotz eines verlangsamten Bevölkerungswachstums.[12] In Deutschland lag die durchschnittliche Wohnfläche pro Person im Jahr 2022 bei 55,4 Quadratmetern und damit um 20 Quadratmeter höher als im Jahr 1990.[13] Demnach baut Deutschland einen Überschuss an Wohnraum und stößt zusätzliches Kohlendioxid aus, um mehr als 150% Wohnfläche zu heizen wie 1990.

Wenn Menschen auf weniger Quadratmetern leben, reduzieren sie den Bedarf an Baumaterialien und Energie. Dies kann durch soziale Maßnahmen erreicht werden, die die Lebensqualität verbessern, indem sie die Konventionen des individuellen Verbrauchs beeinflussen. Wenn Räume, Geräte oder Möbel in kollektivem Besitz sind, werden weniger Ressourcen verbraucht, was die Belastung für Umwelt und Klima verringert. Für den Bausektor sind hier zum Beispiel Ideen wie Cohousing und Coworking relevant. Indem wir überdenken, wie wir unsere Räume nutzen und wie viel Platz wir pro Person oder pro Familie benötigen, können wir Verbrauchsmuster an die planetaren grenzen anpassen.[14] Aber auf der Ebene einer einzelnen Person haben diese Entscheidungen kaum Auswirkungen. Der Planet erfordert weitreichende strukturelle Entscheidungen, die die Klimaauswirkungen unserer Gebäude verbessern. Auf der Ebene einer einzelnen Person haben diese Entscheidungen kaum Auswirkungen. Der Planet erfordert weitreichende strukturelle Entscheidungen, die die Klimaauswirkungen unserer Gebäude verbessern.

Wie ist Änderung möglich?

Es ist unbestritten, dass Menschen Wohnraum brauchen. Aber auf den Bedarf an neuen Wohnungen in Deutschland mit dem Bau von 390.900 neuen Wohnungen zu reagieren, wie es 2024 der Fall ist, ist ein veralteter Ansatz für das Problem.[15] Im Jahr 2022 stehen in Deutschland 1,9 Millionen Wohnungen leer, und ein Großteil davon befindet sich in Großstädten.[16] Nimmt man noch die 216.000 m² Wohnfläche hinzu, die 2022 abgerissen werden, zeigt sich das Ausmaß der Verschwendung von Energie, Rohstoffen und grauen Emissionen durch Abriss und Neubau.

Diese Realität wird im Diskurs um Wohnungsbedarf jedoch häufig verdrängt. Im Bausektor muss der Entwicklung von Fähigkeiten zur Renovierung und Wiederverwendung Priorität einräumen. Die adaptive Wiederverwendung von Gebäuden sollte in Ländern mit einem soliden Gebäudebestand zu einem Standardansatz bei der Entwicklung werden. Steuerliche Anreize helfen, die Renovierung und Nutzung bestehender Gebäude voranzutreiben. Gebäude müssen für eine lange Lebensdauer geplant werden, wobei die Wiederverwendung von Materialien vertraglich geregelt werden muss. Bei der Umweltverträglichkeitsprüfung von Neubauten sollten die grauen Emissionen der für den Bau abgerissenen Gebäude berücksichtigt werden, um den Abriss stärker einzuschränken. Gebäudelabels wie DGNB und Passivhaus bieten Anreize für eine energiesparende Architektur. Der öffentliche Wohnungsbau kann sich darauf konzentrieren, leerstehende Wohnungen bewohnbar zu machen, wie in der bayerischen Initiative „Leerstand Nutzen - Lebensraum schaffen“, die deren Renovierung finanziert.[17]

Auch gesellschaftliches Engagement und politischer Druck können zu Veränderungen führen. Im Haus der Statistik in Berlin, eine Gemeinschaftsinitiative, setzen sich mehrere Kollektiven gegen den Abriss des Gebäudes ein und präsentieren neue Möglichkeiten der Raumnutzung. Petitionen schaffen Druck mit einem klaren Weg zu systemischen Veränderungen. House.Europe und Klimaneustart Volksinitiative Bauwende sind zwei Kampagnen, die sich für Alternativen zum Abriss in Europa einsetzen.

Eine gerechtere, nachhaltigere Welt ist möglich. Sie hängt von der kollektiven Auseinandersetzung mit diesen Themen und der Transparenz über die mit dem Bausektor verbundenen Probleme ab. Wenn wir weiter lernen, umdenken, uns einsetzen und Druck ausüben, ist ein entscheidender Wandel in Reichweite.

Stand: Juni 2024 – Nur für Ihre persönliche Nutzung. Bitte geben Sie dieses Infoblatt nicht ohne Rücksprache mit We-Building e.V. weiter. info@we-building.org - www.we-building.org

Quellen

  1. „Country Overshoot Days 2024.“ Earth Overshoot Day, March 22, 2024. overshoot.footprintnetwork.org ↩
  2. „‘What Do We Get out of It?’“ Human Rights Watch, March 28, 2023. hrw.org ↩
  3. Constable, Harriet. „Kenya’s Sand Wars.“ Al Jazeera Interactives, October 7, 2015. interactive.aljazeera.com ↩
  4. „Population.“ United Nations. Accessed October 22, 2024. un.org; „68% of the World Population Projected to Live in Urban Areas by 2050, Says UN.“ UN DESA. Accessed October 22, 2024. un.org ↩
  5. „Housing.“ UN-Habitat. Accessed October 22, 2024. unhabitat.org ↩
  6. „Weniger Abriss: 2022 fielen so wenige Wohnungen aus dem Bestand wie noch nie seit 1992.“ Statistisches Bundesamt, September 7, 2023. destatis.de ↩
  7. Wilke, Sibylle. „Abfallaufkommen.“ Umweltbundesamt, July 19, 2013. umweltbundesamt.de ↩
  8. Emdadi, Zeynab, Ali Maleki, Mojtaba Azizi, and Nilofar Asim. „Evaporative Passive Cooling Designs for Buildings.“ Strategic Planning for Energy and the Environment 38, no. 4 (January 24, 2019): 63–80. doi.org/10.1080/10485236.2019.12054412 ↩
  9. „So gelingt die Wärmewende.“ NABU. Accessed October 22, 2024. nabu.de ↩
  10. „Wie Wohngebäude klimaneutral werden.“ Zukunft Altbau, January 3, 2021. zukunftaltbau.de ↩
  11. „68% of the World Population Projected to Live in Urban Areas by 2050, Says UN.“ UN DESA, May 16, 2018. un.org ↩
  12. Badger, Emily. Bloomberg.com, February 14, 2014. bloomberg.com ↩
  13. „Wohnfläche.“ Statistisches Bundesamt, May 17, 2024. destatis.de ↩
  14. Muller, Natalie. „Rethinking Our Living Space.“ DW, January 21, 2022. dw.com ↩
  15. „Mehr Wohnungen bauen.“ Die Bundesregierung, June 5, 2024. bundesregierung.de ↩
  16. „Zensus: In Deutschland stehen fast zwei Millionen Wohnungen leer.“ tagesschau.de, July 4, 2024. tagesschau.de ↩
  17. „Pressemitteilungen.“ Bayerisches Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr, May 2024. stmb.bayern.de ↩
ENDE